Istrien – Land, Menschen, Geschichte und Kultur im Buch

Vilijam Zufic am 17.11.14 - Zuletzt aktualisiert am 05.03.2019 um 17:01 Uhr

Momjan. Foto: Facebook Goldschmid, Istrien
Momjan. Foto: Facebook Goldschmid, Istrien

2013 erschien das vom Verlag Edition Tandem herausgegebene Buch “ISTRIEN. Eine Liebeserklärung an das Land, seine Menschen und seine Kultur” der Autoren Alfred, Friederike und Ulrike Goldschmid. Auf 317 Seiten erzählen die Autoren die Geschichte der Halbinsel, deren größter Teil zu Kroatien gehört (ein kleinerer Teil zu Slowenien und ein ganz kleiner Rest zu Italien, da das Gebiet ab der östlichen Stadtgrenze von Triest dazu gehört), über Jahrhunderte zur Seerepublik Venedig und später zum Habsburger Reich gehörte, widmen die Autoren diesen beiden Geschichtsepochen besonders breiten Raum. Die Co-Autorin Friederike Goldschmid stellt nachfolgend das Buch vor.

1963, also noch in “grauer” Vorzeit, lernte der Autor Alfred Goldschmid (u.a. Professor für Biologie und Zoologie) als Student an einem meeresbiologischen Kurs der Universität Wien an dem altehrwürdigen Institut in Rovinj Istrien erstmals, gleich für drei Wochen, kennen. Bis heute bereist er diese Halbinsel zuerst mit seiner ersten Frau Ulrike, besonders lange aber mit seiner zweiten Frau Friederike, von der die meisten Bilder dieses Buches stammen; beide Frauen schrieben auch einige der 46 Kapitel.

Bei einer Ehrung durch den Rovinjeser Tourismusverband für seine häufigen und langjährigen Besuche dieser schönen Stadt erklärte Alfred für Glas Istre und das lokale Fernsehen, er hätte sich schon als Student in Istrien verliebt. Diese Liebe konnte er an die beiden Frauen weiter geben.

Das Buch ist kein Reiseführer, aber es ist aus vielen kleinen Reisen durch dieses Land und vielen Begegnungen und Gesprächen mit seinen Menschen entstanden. In keinem Reiseführer werden Sie etwas über die Unterdrückung der Slawen unter dem Faschismus erfahren. Aber auch dem aufkommenden Widerstand der zu einer eigenen Partisanenaktivität führte, über die Bombardierungen Pulas, aber auch der kleineren Küstenstädte oder die Versenkung des schönsten und größten Luxusdampfers “Rex”.

Geschildert wird der gewaltige Umbruch nach dem 2. Weltkrieg, nachdem nach mehreren wirren Lösungsversuchen der größte Teil Istrien endgültig dem kommunistischen Jugoslawien Titos zugesprochen wurde. Die Autoren versuchen die Dramatik des sozialen und ethnischen Umbruches dem Leser nahe zu bringen. Fast die gesamte italienischsprachige Bevölkerung verließ, teils vertrieben Istrien. Ganze Dörfer wurden verlassen. Aber dieses Schicksal erfuhr das kleine Istrien schon fast zwei Jahrtausende. Erstmals durch die Eroberung der Römer mit der Versklavung der Histrer, der Vernichtung der Castillieri/Gradinakultur, welche seit der Bronzezeit in Istrien dominierte. In der Folge bis zur jüngeren Gegenwart glich Istrien einem kleinen Europa. Byzantiner, Langobarden, Franken, der Patriarch von Aquiläa in der Folge Venedig und Habsburg stritten um das kleine Istrien.

Stancija Silich Završje/Piemonte Foto: Facebook Goldschmid, Istrien
Stancija Silich Završje/Piemonte Foto: Facebook Goldschmid, Istrien

Alle hinterließen Spuren, die man immer noch finden kann. Nach den Verwüstungen und Pestepedemien wurde das Land wieder neu besiedelt. Istrien litt auch Jahrhunderte lang unter der Geisel Malaria, die erst unter der österreichischen und italienischen Verwaltung besiegt werden konnte. Wer weiß schon, dass der menschenleere, Malaria verseuchte Brioni Archipel lange bevor Marschall Tito es zu seinem Sommersitz und zu einem weltpolitischen Treffpunkt machte von dem österreichischen Großindustriellen Paul Kupelwieser zu einem Paradies gestaltet worden ist, in der die damalige “Adelswelt, politische, intellektuelle und wirtschaftliche Prominenz” Erholung suchte. Wer kennt noch die heute wieder geförderte Schrift “Glagoliza”, die in vielen Kritzeleien an Kirchenwänden, aber auch Inschriften in Kirchen zu finden ist und bis zum 1. Weltkrieg in der katholischen Kirche in Verwendung war.

Der Leser wird auf eine kurze Reise auf der einspurigen Eisenbahn Parenzana, heute eine beliebte Radfahrstrecke, mitgenommen, dabei lernt er dabei die slowenischen, venezianisch geprägten Städte, Koper, Izola und Piran kennen und deren moderne Entwicklung. Dem Hl. Markus, mit seiner Bedeutung für Venedig und seinem überall in Istrien auffindbaren steinernen Zeichen, dem Markuslöwen ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Nicht vergessen wird auf den winzigen italienischen Anteil an Istrien: Muggia.
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Abenteuerliche Wege, heute allerdings gut befahrbare Strassen, führen durch interessante kleine Orte, zur uralten befestigten Stadt Gračišće und Pićan, einem der ältesten Bischofssitze Europas. Am Fuße des Učka Massives gelangen wir in die weite Ebene des ehemaligen Čepić Sees, an dessen Ufer sich die Istrorumänen angesiedelt haben. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dieser See endgültig durch einen Tunnel zum Meer trocken gelegt.

Nicht weit davon liegt die heute still gelegte Bergbauregion von Labin. Blutig und erfolglos verlief nach dem ersten Weltkrieg die Errichtung einer eigenen Republik. Die Schwierigkeiten der österreichischen Verwaltung in Pula mit der italienischen Irredenta, der Ausbau zum modernen Großhafen und Industriestadt, sogar mit einem Straßenbahnnetz, werden gezeigt. Berichtet wird auch über die vielen Sprachen und Dialekte Istriens, die vom Verschwinden bedroht sind. Nicht zu kurz kommen Märchen, Legenden, die Literatur und Musik und Lieder der Istrianer. Ein besonders reiches und schönes Kapitel über den Reichtum an Fresken in den vielen kleinen istrischen Kirchen schließen das Buch ab.

Jedes Kapitel wird mit einem großen Bild eingeleitet, viele kleine Abbildungen unterstützen den Text. Persönliche Erlebnisse und Gespräche mit Istrianern waren der Ausgangspunkt für ausführliches Literatur- und Quellenstudium. So danken wir dem Stadtmuseum in Rovinj und dem Archiv in Koper für Einsichtnahmen. Interessantes erfuhren wir von Freunden im slowenischen und kroatischen Istrien, etwa von Robert und Andrej und von Romeo und Giordano und freundlichen istrischen Bauern, alten Damen und Priestern, deren Namen wir uns leider nicht notiert haben.
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Alfred, Friederike und Ulrike Goldschmid
ISTRIEN. Eine Liebeserklärung an das Land, seine Menschen und seine Kultur.
317 S., 551 Abb., 2 Ktn., ISBN 978-3-902606-79-2
Verlag Edition Tandem, Salzburg, September 2013
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